{"id":395024,"date":"2024-01-05T09:13:44","date_gmt":"2024-01-05T08:13:44","guid":{"rendered":"https:\/\/communia.de\/exit-capitalism-geschichte-der-vergesellschaftung-2-2\/"},"modified":"2024-01-30T14:52:10","modified_gmt":"2024-01-30T13:52:10","slug":"exit-capitalism-geschichte-der-vergesellschaftung-2-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/communia.de\/en\/exit-capitalism-geschichte-der-vergesellschaftung-2-2\/","title":{"rendered":"Exit Capitalism: Geschichte der Vergesellschaftung (2\/2)"},"content":{"rendered":"<p><em>In diesem Gastbeitrag von Christopher Schmidt ver\u00f6ffentlichen wir in zwei Teilen einen \u00fcberarbeiteten Auszug aus seinem Buch <\/em><a href=\"https:\/\/www.dampfboot-verlag.de\/shop\/artikel\/vergesellschaftung-sozialisierung-gemeinwirtschaft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vergesellschaftung, Sozialisierung, Gemeinwirtschaft: Transformationspfade in eine andere Gesellschaft<\/a><em>, erschienen im Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot. <\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/communia.de\/en\/exit-capitalism-geschichte-der-vergesellschaftung-teil-eins\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Im ersten Teil<\/a> dieses Blogbeitrags wurde der Begriff der Vergesellschaftung bzw. Sozialisierung anhand seiner historischen Genese, sowie verschiedener Kategorien alternativer Eigentumsordungen, die in seinem Kontext angestrebt wurden, umrissen. Die Vorstellung davon, wie Eigentum abseits einer auf individuellen Besitz abzielenden Wirtschaftsordnung strukturiert sein soll, gibt allerdings Implikationen f\u00fcr zwei weitere zentrale Spannungsfelder der Vergesellschaftung: die konkreten Formen demokratischer Neuorganisation, sowie die politischen Strategien ihrer Durchsetzung.<\/p>\n<h2 align=\"justify\">Gemeinwirtschaft demokratisch organisieren<\/h2>\n<p align=\"justify\">Die gro\u00dfe Herausforderung der konkreten Organisationsstruktur einer vergesellschafteten (Teil)Wirtschaft ist, dass sie f\u00fcr das Spannungsfeld zwischen kollektiver Planung und Koordination, sowie dezentraler demokratischer Teilhabe praktikable und handlungsf\u00e4hige institutionelle L\u00f6sungen finden muss. Auf der einen Seite stehen dabei die Steuerung und Abstimmung ganzer Industrien und Wirtschaftszweige durch eine Gewalt, die nicht mehr im Namen von Privatpersonen, sondern dem Gemeinwesen wirtschaftet. Diese ben\u00f6tigt polit-\u00f6konomische Institutionen, die eine gesellschaftliche Machtaus\u00fcbung \u00fcber die Kontrolle der Produktion und Verteilung gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnen und dabei keine Entfremdung hervorrufen<span style=\"font-size: small;\"> (vgl. Wright 2020, 273)<\/span>. Auf der anderen Seite stehen nach Freiheit strebende Individuen und Betriebe, die st\u00e4ndig situativ flexible Entscheidungen zur L\u00f6sung \u00f6konomischer, sozialer und \u00f6kologischer Probleme treffen m\u00fcssen und der Kollektivwirtschaft dabei doch stets als t\u00e4tige Glieder angeh\u00f6ren. Konzepte der Vergesellschaftung m\u00fcssen also fortw\u00e4hrend Wege finden, das Individualbedu\u0308rfnis mit dem Gemeinwohl produktiv in Einklang zu bringen. Inwiefern solche L\u00f6sungen demokratisch legitimiert sind, h\u00e4ngt davon ab, wie inklusiv die Entscheidungs- und Eigentumsstrukturen aufgebaut sind. Inwiefern sie handlungsf\u00e4hig und produktiv bleiben, h\u00e4ngt dagegen von dem Ma\u00df der Durchsetzungskraft oder Autorit\u00e4t in ihren Strukturen ab. Dies stellt ein demokratietheoretisches Dilemma dar, fu\u0308r dessen Austarieren es im konkreten Institutionenaufbau ein Spektrum an Ans\u00e4tzen gibt, die nachfolgend in idealtypischen Kategorien dargestellt werden sollen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Kategorie 1: Zentralit\u00e4t als Maxime<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Anh\u00e4nger*innen der Idee, dass eine \u00dcberwindung von Ausbeutung und Konkurrenz im Kapitalismus nur durch eine Vollsozialisierung der gesamten Wirtschaft m\u00f6glich sei, bef\u00fcrworten oft eine starke Zentralisierung der Wirtschaftsgewalt. Der unbedingte Vorsatz daf\u00fcr war allerdings stets, dass die Staatsmacht in H\u00e4nden der produzierenden Klasse bzw. der ganzen Gesellschaft liegt. So kann eine Verstaatlichung als Vergesellschaftung gedeutet werden. Betriebe werden zu einem blo\u00dfen Vollzugsorgan des zentralen Plans und wirtschaftliche Freiheit weicht der \u201eEinsicht in die wirtschaftliche Notwendigkeit\u201c (Kru\u0308ger 2016, 258). Der \u201eSozialisierung von oben\u201c wird eine deutliche strategische Priorit\u00e4t gegen\u00fcber betrieblichen oder syndikalistischen Demokratisierungsbestrebungen einger\u00e4umt. Gedacht waren diese konzentrierenden Verstaatlichungen im Sinne der marxistischen Theorie jedoch als Durchgangsphase zur Etablierung genossenschaftlicher Produktionsverh\u00e4ltnisse, in denen der Staat schlie\u00dflich absterben kann und die \u201eWirtschaft als freie, kooperative T\u00e4tigkeit assoziierter Individuen in der Zivilgesellschaft aufgegangen ist\u201c (Wright 2020, 190).<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Kategorie 2: Dezentralit\u00e4t als Maxime<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Dem gegen\u00fcber stehen Konzepte mit einem Fokus auf eine dezentrale Art und Weise der Vergesellschaftung. Sie argumentieren demokratietheoretisch fu\u0308r ein Primat der Entscheidungsfindung der unmittelbar von ihr Betroffenen. Bef\u00fcrworter*innen entsprechender Ans\u00e4tze m\u00f6chten mit ihnen emanzipatorisches Potenzial f\u00f6rdern und Transformationsprozesse des Geistes und der Verhaltensweise von Teilhabenden hin zu solidarischem, genossenschaftlichem Handeln f\u00f6rdern. Sie fokussieren daher auf die betriebliche Ebene und idealtypische Best-Practice-Beispiele. Ein dezentrales System der Vergesellschaftung schlie\u00dft eine Vollsozialisierung jedoch nicht unbedingt aus, kann aber eben auch im Kleinen z.B. als genossenschaftliche Organisationsform f\u00fcr einen einzelnen Betrieb gelten. Dezentrale Ans\u00e4tze sehen sich allerdings ebenfalls vor die Problemlage gestellt, das Individualinteresse eines Betriebes mit gesellschaftlichen Bedarfen und dem Gemeinwohl in Einklang zu bringen. Sollen sie eine entsprechende Gr\u00f6\u00dfe erreichen, m\u00fcssen sie koordinative Strukturen entwickeln, um sich langfristig von einer gewinnmaximierenden Konkurrenzlogik abzugrenzen bzw. mit ihr kompatibel sein zu k\u00f6nnen, ohne von ihr ausgeschaltet zu werden.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Kategorie 3: Mischformen<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Der Gro\u00dfteil der Vorschl\u00e4ge vergesellschafteter Organisationsstrukturen setzt sich allerdings unweigerlich als Mischform dieser beiden Pole zusammen und versucht, m\u00f6glichst demokratische L\u00f6sungen zu finden und sie mit Koordinierungs- und Planungsmechanismen zu versehen, die sie gegen eine Ru\u0308cku\u0308berfu\u0308hrung in klassische Markt- und Profitlogiken absichern. Grundlegende Fragestellungen der Institutionenbildung richten sich darauf, welche gesellschaftlichen Gruppen in Partizipationsprozessen auf welcher Ebene vertreten sein sollen, wie sich das Zusammenwirken von politischer und wirtschaftlicher Sph\u00e4re gestaltet und \u2013 vor allem &#8211; wie das Verh\u00e4ltnis vom konkreten Betrieb (und der Mitbestimmung in ihm) zur \u00fcberbetrieblichen Wirtschaftsordnung und gesellschaftlicher Planung aufgebaut sein soll. Da vor allem der letzte Punkt elementar f\u00fcr eine Vergesellschaftung im gr\u00f6\u00dferen Stil ist, standen die Gewerkschaften historisch im Zentrum der Debatte.<\/p>\n<h2 align=\"justify\">Auf dem Weg zur Vergesellschaftung<\/h2>\n<p align=\"justify\">Die Vorstellungen dar\u00fcber, wie eine vergesellschaftete Eigentumsordnung konkret zu strukturieren und organisieren ist, um das Diktat der Profitlogik zu beenden oder wenigstens einzud\u00e4mmen, zog historisch verschiedene Strategien politischen Handelns nach sich. Diese sind grob in den revolution\u00e4ren Weg, sowie den des schrittweisen Hin\u00fcberwachsens in die sozialistische Gesellschaft zu differenzieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der <b>sozialrevolution\u00e4re Weg<\/b> richtet sich vordergr\u00fcndig gegen den etablierten, nicht-reformierbaren Staat bzw. forderte zuallererst seinen Umsturz und \u00dcbernahme als Grundbedingung einer wirksamen Vergesellschaftung. Je nach Denkrichtung kann dieser Umsturz auf zwei Wegen erfolgen. Der Erste fu\u00dft auf einem materialistischen Geschichtsbild der Krisentheorie. In diesem fu\u0308hrt die Bewusstseinsbildung der proletarischen Masse mittels der Widerspru\u0308che ihrer sozialen und \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse zu ihrem Aufbegehren gegen ebendiese. Sie kulminiert in der Aneignung des Staates durch das Proletariat als Massenbewegung. Beim zweiten Weg, der als leninistisch bezeichnet werden kann, eignet sich die proletarische Masse den Staat u\u0308ber die Wahl einer avantgardistischen Arbeiterpartei an, die als Tr\u00e4gerin des wissenschaftlichen Bewusstseins fungiert, u\u0308ber das die breite Masse nicht verfu\u0308gt (vgl. Kru\u0308ger 2016, 291). Qualitative Unterschiede in der Bewusstseinsbildung verschiedener Akteursgruppen bilden demnach die Basis der Analyse der revolution\u00e4ren Strategien. Der Revolution folgen zwei Perioden der Vergesellschaftung. Die Erste ist die des \u00dcbergangs, die von leninistischen Theoretiker*innen offen als Staatskapitalismus oder als \u201edie niedere Phase der kommunistischen Gesellschaft\u201c (ebd., 255) bezeichnet wird. Der Staat ist hier der Tr\u00e4ger der Produktionsmittel gro\u00dfer Teile der Wirtschaft. Die zweite Periode ist die der wirklichen sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft, in der der Staat schlie\u00dflich abstirbt und die Menschen frei von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und \u00f6konomischen Knappheitsbedingungen in genossenschaftlichen Strukturen leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Gegensatz zu revolution\u00e4ren Ans\u00e4tzen ist die Grundidee <b>transformativer Ans\u00e4tze<\/b>, dass die Gesellschaft allm\u00e4hlich vom Kapitalismus Schritt f\u00fcr Schritt in den Sozialismus hineinwachsen kann. Sie k\u00f6nnen in zwei Sto\u00dfrichtungen unterteilt werden: die des Sozialreformismus innerhalb des Staates und die des selbstorganisierten Aufbaus au\u00dferhalb von ihm.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der <b>sozialreformistische Weg<\/b> geht davon aus, \u201edass der Kapitalismus bevor er gebrochen wird, auch gebogen werden kann\u201c (Naphtali 1977, 28). Um dies zu tun, wird neben dem politischen Kampf um Machtausu\u0308bung im Staat durch sozialistische oder sozialdemokratische Parteien der \u00f6konomische Kampf um Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt durch Gewerkschaften gefu\u0308hrt. Zeitgleich werden Aufbau und Ausweitung nicht-profitmaximierender Unternehmensformen, wie z.B. Genossenschaften, vorangetrieben. Nach und nach sollen so gemeinwirtschaftliche Elemente in die Wirtschaft hineingebaut werden, die dem Staat und den Arbeitgeber*innen zunehmend die Kontrolle der Wirtschaft entziehen und die Vorbedingungen fu\u0308r Sozialisierungsma\u00dfnahmen schaffen (vgl. Biechele 1972, 60). Sozialreformistische Denkweisen argumentieren daher f\u00fcr die strategische Vergesellschaftung \u201esozialisierungsreifer\u201c Unternehmen wie der Grundstoffindustrie oder gro\u00dfer Monopole, und der parallelen Ausweitung von Verfu\u0308gungsmacht auf gesetzlichem Wege, statt einer schnellen, grundlegenden \u00c4nderung der Eigentumsordnung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der <b>zweite transformative Weg<\/b> von der kapitalistischen Markt- zur Kollektivwirtschaft beschreibt den freiwilligen, selbstorganisierten Zusammenschluss au\u00dferhalb des Staates. Die grundlegende Strategie ist die des Aufbaus alternativer Institutionen wie Kooperativen, Genossenschaften oder anderer Formen der Gemeinwirtschaft im Hier und Jetzt. Ziel ist es, ihren Umfang und Tiefgang langsam so zu erweitern, \u201edass kapitalistische Zw\u00e4nge aufh\u00f6ren, ihnen verbindliche Grenzen aufzuerlegen\u201c (Wright 2020, 443). Diese <b>\u201eSozialisierung von unten\u201c<\/b> frei assoziierter Individuen will Modelle eines richtigen Lebens in genossenschaftlichen und nicht-kapitalistischen Formen der Organisation herstellen. Sie sollen gelebte Sozialutopie mit einer Pionierfunktion, und Orte des Bildens eines neuen Bewusstseins und neuer Beziehungen sein, die Perspektiven auf nicht-kapitalistische und herrschaftsfreie Zonen er\u00f6ffnen. Sie wollen keine bestehenden Strukturen enteignen und umorganisieren, sondern ihre eigenen von vorn herein selbst aufbauen. Es bleibt unklar, inwiefern die strategische Ausweitung solcher bottom-up Konzepte der Vergesellschaftung zum einen Marktzw\u00e4nge \u00fcberwinden, und zum anderen organisatorische Antworten f\u00fcr die volkswirtschaftlich wirkm\u00e4chtige und investitionsintensive Gro\u00dfindustrie und weitere Bereiche der Wirtschaft liefern kann.<\/p>\n<p align=\"justify\">\n<h3 align=\"justify\">Quellen:<\/h3>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\">Biechele, Eckhard (1972): \u201eDer Kampf um die Gemeinwirtschaftskonzeption des Reichswirtschaftsministeriums 1919: Eine Studie zur Wirtschaftspolitik unter Reichswirtschaftsminister Rudolf Wissell in der Fr\u00fchphase der Weimarer Republik\u201c. Freie Universit\u00e4t Berlin. 1973.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\">Kr\u00fcger, Stephan (2016): \u201eWirtschaftspolitik und Sozialismus \u2013 Vom polit\u00f6konomischen Minimalkonsens zur \u00dcberwindung des Kapitalismus\u201c. Kritik der Politischen \u00d6konomie und Kapitalismusanalyse Band 3. VSA Verlag (2016). Hamburg.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\">Naphtali, Fritz (1966): \u201eWirtschaftsdemokratie \u2013 Ihr Wesen, Weg und Ziel\u201c. Europ\u00e4ische Verlagsanstalt (1977). K\u00f6ln, Frankfurt am Main.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\">Wright, Erik Olin (2017): \u201eReale Utopien \u2013 Wege aus dem Kapitalismus\u201c. Suhrkamp Verlag (2020). Berlin.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Gastbeitrag von Christopher Schmidt ver\u00f6ffentlichen wir in zwei Teilen einen \u00fcberarbeiteten Auszug aus seinem Buch Vergesellschaftung, Sozialisierung, Gemeinwirtschaft: Transformationspfade in eine andere Gesellschaft, erschienen im Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot. Im ersten Teil dieses Blogbeitrags wurde der Begriff der Vergesellschaftung bzw. 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