{"id":395046,"date":"2023-01-19T18:13:08","date_gmt":"2023-01-19T17:13:08","guid":{"rendered":"https:\/\/communia.de\/demokratisierung-der-wirtschaft-als-post-neoliberale-zukunft\/"},"modified":"2024-01-30T14:52:19","modified_gmt":"2024-01-30T13:52:19","slug":"demokratisierung-der-wirtschaft-als-post-neoliberale-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/communia.de\/en\/demokratisierung-der-wirtschaft-als-post-neoliberale-zukunft\/","title":{"rendered":"Demokratisierung der Wirtschaft als post-neoliberale Zukunft"},"content":{"rendered":"\r\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog <a href=\"https:\/\/politischeoekonomie.com\/demokratisierung-der-wirtschaft-als-post-neoliberale-zukunft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Politik &amp; \u00d6konomie<\/a>.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\r\n<p>Der Neoliberalismus steckt in der Krise. Dennoch ist ein politisches Ende des Neoliberalismus nicht absehbar. Daf\u00fcr fehlen die politischen Kr\u00e4fte und die wirkm\u00e4chtigen Konzepte. In ihrem Beitrag argumentieren Max Wilken und Lemon Banhierl von communia, warum es einer Demokratisierung der Wirtschaft bedarf, um den Krisen des 21. Jahrhunderts zu begegnen.<\/p>\r\n<\/blockquote>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ob Finanz-, Corona oder Energiepreiskrise \u2013 das Ende des Neoliberalismus wird mit gro\u00dfer Regelm\u00e4\u00dfigkeit ausgerufen. Doch die zentralen Pfeiler neoliberaler Regierungskunst sind stabil \u2013 unabh\u00e4ngige (d.h. undemokratische) Zentralbanken, die Inwertsetzung und Privatisierung von bisher dem Kapital nicht zug\u00e4nglichen Bereichen der Gesellschaft und die Sozialisierung von privaten Investitionsrisiken bleiben bestehen. In Abwesenheit einer umfassenden gesellschaftlichen Bewegung, die den Status Quo in Gewerkschaften, Parteien und au\u00dferhalb der Parlamente in Frage stellt, werden wir noch lange mit dem Neoliberalismus zu tun haben.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Trotzdem stellen die Entwicklungen der letzten Jahre zentrale Grundpfeiler des neoliberalen Kapitalismus infrage. W\u00e4hrend die Zentralbanken schon lange daran scheitern \u00fcber die Zinspolitik und Anleihenk\u00e4ufe private Investitionen anzutreiben, spitzen sich mit der Inflation soziale Krisen weiter zu. Die klassisch neoliberale Antwort durch Zinserh\u00f6hungen die Wirtschaft zu bremsen, Arbeitslosigkeit zu erh\u00f6hen und dadurch die Lohnentwicklung zu bremsen funktioniert nicht mehr, denn die Preisentwicklung wird durch massive Profite und Energiepreise, nicht durch L\u00f6hne angetrieben. Daraus folgt allerdings nicht das Ende des neoliberalen Kapitalismus, sondern eher die Frage nach m\u00f6glichen Transformationspfaden. Diese wird im Moment vor allem von den herrschenden Klassen beantwortet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>W\u00e4hrend zum Teil Zugest\u00e4ndnisse in Form von Entlastungspaketen oder \u00dcbergewinnsteuern gemacht werden, bleiben die meisten Antworten im neoliberalen Paradigma der Sozialisierung von Risiken und Verlusten (zum Beispiel bei der Gasumlage). Auch in Bezug auf die \u00f6kologische Transformation setzt sich zunehmend das \u201aDerisking\u2018 durch, das darauf beruht M\u00e4rkte durch staatliche Absicherung von Risiken herzustellen. Langfristig werden dadurch jedoch weder soziale Verwerfungen noch \u00f6kologische Zerst\u00f6rung verhindert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Welche Transformationspfade w\u00e4ren dar\u00fcber hinaus denkbar? W\u00e4hrend ein rechter Backlash eine ernstzunehmende Gefahr bleibt, geraten auch linke Politikmodelle an ihre Grenzen. Die Strategie, den Staat zu kapern und mithilfe von g\u00fcnstigen Zinsen unsere maroden Infrastrukturen zu sanieren und die \u00f6kologische Transformation vorzubereiten (Green New Deal) ist bisher gescheitert. In Zukunft muss und wird es daher wieder mehr um Umverteilungsfragen gehen m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die einfachste und konsequenteste L\u00f6sung f\u00fcr die Inflations- und Klimakrise w\u00e4re eine Vergesellschaftung der Wirtschaft \u2013 von den Energiekonzernen bis zu den Zentralbanken. Diese ist jedoch nur am Rei\u00dfbrett einfach und in den bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen unrealistisch. Trotzdem lohnt es sich die Frage zu stellen, wie eine ernsthafte Antwort auf die Krisen unserer Zeit aussehen k\u00f6nnte. Wie wir dahin kommen diese umzusetzen wird die zentrale Frage der n\u00e4chsten Jahre.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine strategische Perspektive f\u00fcr die Linke: Vergesellschaftung f\u00fcr eine demokratische Wirtschaft<\/strong><\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Linke ist f\u00fcr die aktuelle Situation historisch schwach aufgestellt. 40 Jahre Verteidigungsk\u00e4mpfe, geschw\u00e4chte Gewerkschaften, zahme NGOs, kleine oder eingebundene linke Parteien und eine zerstreute radikale Linke, die sich auf einzelne Themen und Bewegungen fokussiert pr\u00e4gen das Bild. Aufgrund dieser organisatorischen Schw\u00e4che gelingt es der Linken nicht, sich in der Krise als Alternative zu pr\u00e4sentieren. Corona hat die gesellschaftliche Rechte gest\u00e4rkt, der Krieg in der Ukraine den Militarismus und den Aufbau neuer fossiler Infrastruktur zur\u00fcckgebracht und die Kr\u00e4fte, die den Status Quo bewahren k\u00f6nnen zwar nicht mehr auf die Zustimmung der breiten Bev\u00f6lkerungsschichten bauen, bleiben aber unangefochten herrschend. In einigen Bereichen zeigen sich zwar Br\u00fcche und kleine Erfolge wie bei den Entlastungsstreiks in Krankenh\u00e4usern oder dem Abstimmungserfolg von\u00a0<em>Deutsche Wohnen &amp; Co. enteignen!<\/em>. Uns fehlen neben Organisationsmacht und starken parlamentarischen Kr\u00e4ften aber auch Strategien und Konzepte f\u00fcr einen Umbruch hin zu einer anderen \u00d6konomie, um die sich ein gegenhegemoniales Projekt formieren k\u00f6nnte.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wir schlagen deshalb vor, progressive Strategien entlang der Eigentumsfrage zu entwickeln mit dem Ziel einer demokratischen Wirtschaft. Um diese Themen k\u00f6nnte sich ein gegenhegemoniales Projekt entwickeln, um das sich die bestehenden Fragmente linker Organisationen gruppieren und in dem sich neue entwickeln k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Vergesellschaftung gro\u00dfer Teile der Daseinsvorsorge ist eine nachhaltige L\u00f6sung der gegenw\u00e4rtigen Krisen und bietet so eine verbindende Perspektive f\u00fcr die fragmentierte Linke. Mit dem Fokus auf die Eigentumsverh\u00e4ltnisse setzt Vergesellschaftung tiefer an als klassische Reformen. Anstatt Probleme nur abzumildern, zielt Vergesellschaftung darauf, Privateigentum und den mit diesem verbundenem Wachstumszwang durch alternative, demokratische Eigentumsformen zu ersetzen, die es erm\u00f6glichen, wirtschaftliche Prozesse entlang sachlicher Probleme und gesellschaftlicher Interessen und Bed\u00fcrfnisse zu gestalten. Damit kann sie vermeintlich widerspr\u00fcchliche \u00f6kologische und soziale Ziele zusammenf\u00fchren und so eine verbindende Perspektive f\u00fcr verschiedene Interessensgruppen darstellen.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Durch den Erfolg von\u00a0<em>Deutsche Wohnen und Co. Enteignen!<\/em>\u00a0ist deutlich geworden, dass Vergesellschaftungsforderungen, die an den Interessen von Mieter*innen oder Besch\u00e4ftigten ansetzen mehrheitsf\u00e4hig und mobilisierend sein k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen daraus lernen, dass es gilt, konkret zu werden und zu zeigen, wie mit Vergesellschaftung und Demokratisierung gesellschaftliche Probleme gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.\u00a0Das politische Projekt einer demokratischen Wirtschaft muss jedoch \u00fcber einzelne Sektoren, Betriebe oder Regionen hinausgehen und Vergesellschaftung als umfassendes Umbauprojekt denken. Historisch ist der Begriff \u201eWirtschaftsdemokratie\u201c tendenziell mit der Demokratisierung von Einzelbetrieben verbunden und betont entsprechend die demokratische Bestimmung durch Produktionsarbeitende. Arbeitende sind aufgrund ihrer Organisationsmacht und ihrem Wissen essentiell f\u00fcr ein progressives politisches Projekt. Der Begriff \u201edemokratische Wirtschaft\u201c stellt dar\u00fcber hinaus die gesamte lohnabh\u00e4ngige Klasse in den Vordergrund und ist damit in der Lage unterschiedliche gesellschaftliche Interessen zusammen zu binden. An einer solidarischen Vergesellschaftung und Orientierung an gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnissen \u2013 zum Beispiel in Energie- oder Wohnraumversorgung, Mobilit\u00e4t und Care-Bereichen etwa \u2013 haben alle mitzureden.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das ist nicht zuletzt wichtig, weil ein transformatives politisches Projekt nur sektor\u00fcbergreifend denkbar wird. Das l\u00e4sst sich insbesondere an der gegenw\u00e4rtigen Energiepreiskrise zeigen. Die Enteignung und Demokratisierung von Energiekonzernen kann hier nur ein Baustein einer gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung sein. Die Vergesellschaftung von Energie m\u00fcsste dar\u00fcber hinaus auf unterschiedliche \u2013 den entsprechenden Kontexten und \u00f6konomischen Voraussetzungen angemessenen \u2013 Organisations- und Eigentumsformen setzen. Dazu geh\u00f6rt unter anderem ein zentral verwaltetes Energienetz, sowie eine weitgehend dezentrale Energieproduktion unter demokratischer Kontrolle von Arbeitenden, Konsument*innen und Betroffenen zum Beispiel \u00fcber lokale Energiegenossenschaften, kommunale Stadtwerke und staatliche Projekte wie Offshore-Windparks.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vergesellschaftung von Energie- und Finanzsektor<\/strong>\u00a0\u00a0<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>W\u00e4hrend der Energiesektor bisher von intransparenten und oftmals profitorientierten privaten, staatlichen und zwischenstaatlichen Organisationen gesteuert wird und zur Absch\u00f6pfung von Wert sowie der Versorgung einer immer weiter wachsenden Industrie dient, ginge es in einer demokratischen Wirtschaft darum, die Energieversorgung in \u00f6ffentlicher Hand entlang eines \u00f6kologisch vertr\u00e4glichen Bedarfs zu planen und Energie gerecht zu verteilen. Dazu geh\u00f6ren kostenlose Energiekontingente f\u00fcr Verbraucher*innen und damit eine Dekommodifizierung der Ware Energie, sowie eine demokratische und am \u00f6kologischen Umbau und gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnissen orientierte Verwaltung industrieller Energienutzung. Hier stellen sich \u2013 unmittelbar verbunden mit der Vergesellschaftung des Energiesektors \u2013 schwierige Fragen von R\u00fcck- und Umbau verschiedener Industrien sowie einer allgemeinen Reduktion wirtschaftlichen Wachstums, die aber nur durch Demokratisierung auch als Sachfragen verhandelt werden k\u00f6nnen. Beispielsweise ist klar, dass bestimmte besonders sch\u00e4dliche Industrien, wie zum Beispiel die Autoindustrie grundlegend transformiert werden m\u00fcssen und damit Arbeitspl\u00e4tze in Frage stehen. Staatliche Regulierung von Privatwirtschaft w\u00fcrde schlicht zum Abbau dieser Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fchren. In einer demokratisierten Wirtschaft w\u00e4re hingegen die Frage, wie wir Arbeitskraft sinnvoll einsetzen k\u00f6nnen, denn zu tun gibt es genug \u2013 zum Beispiel beim Einbau von W\u00e4rmepumpen, dem Ausbau erneuerbarer Energie, dem Wiederauf- und Ausbau maroder Infrastrukturen (vom Schienennetz bis zur Breitbandinfrastruktur) und in einem aufzubauenden Sektor \u00f6ffentlicher Mobilit\u00e4tsproduktion.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Damit steht auch die Finanzierungsfrage im Raum, denn f\u00fcr den gesellschaftlichen Umbau sind enorme Investitionen notwendig. Das bestehende Finanzsystem ist jedoch nicht in der Lage gesellschaftlich sinnvolle Investitionen hervorzubringen. Heutige Zentralbankpolitiken zielen darauf ab die Privatwirtschaft durch Anpassung des Zinsniveaus zu Investitionen zu bewegen. Die dadurch generierten Gelder flie\u00dfen jedoch gr\u00f6\u00dftenteils in die Inflation von Verm\u00f6genswerten und schlagen sich nur \u00fcber Umwege in realen Investitionen nieder. Anstatt von au\u00dfen auf \u201edie Wirtschaft\u201c einzuwirken, w\u00e4re es effizienter gesellschaftlich sinnvolle Investitionen in den Umbau der Wirtschaft direkt zu finanzieren und demokratisch zu verhandeln. Eine demokratisierte und mit neuen Mandaten ausgestattete Zentralbank, gekoppelt mit lokalen demokratischen Investitionsbanken, w\u00e4re dazu in der Lage, bleibt bislang aber politisch unrealistisch.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Neben\u00a0<em>Deutsche Wohnen &amp; Co. enteignen!\u00a0<\/em>gibt es inzwischen auch andere Initiativen, die auf die Vergesellschaftung von Wohnraum, Krankenh\u00e4usern oder Energiekonzernen abzielen. Doch selbst in Berlin, wo\u00a0<em>Deutsche Wohnen &amp; Co. enteignen!\u00a0<\/em>auf eine starke Mieter*inenbewegung aufbauen konnte und wo mit der Linkspartei eine Partei an der Regierung beteiligt ist, die das Projekt unterst\u00fctzt und so der Volksentscheid im September 2021 gewonnen werden konnte, ist die Vergesellschaftung von Wohnraum noch lange nicht umgesetzt. So zeigt der Fall<em>\u00a0Deutsche Wohnen &amp; Co. enteignen!\u00a0<\/em>auch, dass es an politischer Macht fehlt, um das Projekt einer demokratischen Wirtschaft Realit\u00e4t werden zu lassen. Der Aufbau st\u00e4rkerer Organisationen und die Entwicklung von Durchsetzungsf\u00e4higkeit in politischen Auseinandersetzungen muss deshalb zentraler Bestandteil einer Bewegung f\u00fcr eine demokratische Wirtschaft sein. Diese muss insbesondere die verbindende Organisierung der verschiedenen Fraktionen von Lohnabh\u00e4ngigen umfassen, um Formen der demokratischen Organisation der Wirtschaft vorwegzunehmen, die sie anstrebt, um erfolgreich dem Markt entrissene G\u00fcter und Produktionsmittel nicht staatlicher Kontrolle zu \u00fcberlassen.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Ende des neoliberalen Kapitalismus kommt also nicht von selbst und die gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse weisen in die falsche Richtung. Die Vergesellschaftung der Wirtschaft ist notwendiger denn je, doch die Kr\u00e4fte, die das auch erk\u00e4mpfen k\u00f6nnten sind schwach. Um den Krisen des 21. Jahrhunderts begegnen zu k\u00f6nnen brauchen wir Konzepte einer Demokratisierung von Wirtschaft aber vor allem politische Durchsetzungsf\u00e4higkeit und Organisationsmacht.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog Politik &amp; \u00d6konomie. 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