{"id":395047,"date":"2022-12-15T15:09:53","date_gmt":"2022-12-15T14:09:53","guid":{"rendered":"https:\/\/communia.de\/vergesellschaftung-und-suffizienzpolitik\/"},"modified":"2024-01-30T14:52:20","modified_gmt":"2024-01-30T13:52:20","slug":"vergesellschaftung-und-suffizienzpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/communia.de\/en\/vergesellschaftung-und-suffizienzpolitik\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag: Vergesellschaftung und Suffizienzpolitik"},"content":{"rendered":"\r\n<p><em>Ausgehend von einem Workshop bei der <a href=\"http:\/\/www.vergesellschaftungskonferenz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vergesellschaftungskonferenz<\/a> verfassten Jonas Lage, Lia Polotzek und Benjamin Best diesen Artikel, der zuerst auf dem <a href=\"https:\/\/www.postwachstum.de\/vergesellschaftung-und-suffizienzpolitik-20221206\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Postwachstumsblog<\/a> erschien.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auf der <a href=\"https:\/\/vergesellschaftungskonferenz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vergesellschaftungskonferenz im Oktober 2022<\/a> in Berlin wurden verschiedene Strategien f\u00fcr eine demokratischere und sozial-\u00f6kologisch gerechte Wirtschaft diskutiert. Eine Demokratisierung der Wirtschaft w\u00fcrde bedeuten, dass es mehr gesellschaftlichen Einfluss darauf gibt, wie, was und wie viel produziert wird. Viele Teilnehmende hoffen, dass so einerseits die Macht gro\u00dfer Unternehmen und Wirtschaftsverb\u00e4nde abgebaut werden k\u00f6nnte und andererseits nicht mehr nur Gewinnerwartungen \u00fcber die Produktion entscheiden w\u00fcrde. Angesichts der Vielzahl gegenw\u00e4rtiger \u00f6kologischer Krisen stellt sich in diesem Zusammenhang vor allem die Frage: W\u00fcrde mehr gesellschaftlicher Einfluss auch zu \u00f6kologischerem Unternehmenshandeln f\u00fchren?\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Neben den technischen Nachhaltigkeitsstrategien der Effizienz und Konsistenz fokussiert sich die Nachhaltigkeitsdebatte immer st\u00e4rker auf die Strategie der Suffizienz. Denn mit technischer Effizienz und dem Ausbau der Erneuerbaren allein kann angesichts steigendem Ressourcen- und Energieverbrauchs die 1,5\u00b0C-Grenze nicht eingehalten werden. Vielmehr muss in den L\u00e4ndern des Globalen Nordens das Niveau des Konsums und der Produktion gesenkt werden. Suffizienzpolitik bedeutet in diesen L\u00e4ndern politische Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ein gutes Leben f\u00fcr alle mit geringeren Konsum- und Produktionsniveaus m\u00f6glich wird. Daf\u00fcr m\u00fcsste investiert werden, z.B. braucht es eine Ausbauoffensive der Radwegenetze oder des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs und eine Gestaltung autoarmer St\u00e4dte und D\u00f6rfer. So k\u00f6nnen Menschen darauf verzichten, ein Auto zu kaufen und trotzdem mobil sein. Mit einer solchen Suffizienzpolitik kann auch die Reduktion der Anzahl produzierter Autos einhergehen. Mit dem Blick auf die Produktionsverh\u00e4ltnisse stellt sich daher die Frage: Kann Suffizienzpolitik dazu beitragen, die Wirtschaft und Eigentumsverh\u00e4ltnisse demokratischer zu gestalten und die Macht umweltsch\u00e4dlicher Unternehmen abzubauen?\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Zu diesen Fragen haben wir Thesen aufgestellt, mit denen wir eine Diskussion \u00fcber Gemeinwohl und Gewinninteressen, Demokratisierung und Machtverh\u00e4ltnisse sowie die \u00f6kologisch notwendige Senkung und eine sozial gerechte Verteilung des Energie- und Ressourcenverbrauchs anregen m\u00f6chten.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wirkt sich Suffizienzpolitik darauf aus, die Wirtschaft und Eigentumsverh\u00e4ltnisse demokratischer zu gestalten?<\/strong><\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>1. Suffizienzpolitik f\u00fchrt nicht automatisch zu einer Demokratisierung von Wirtschaft und Eigentumsverh\u00e4ltnissen<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Suffizienzpolitik, konsequent zu Ende gedacht, k\u00f6nnte weitreichende Auswirkungen f\u00fcr die Produktionsseite haben. Eine umfassende Abkehr von der Automobilit\u00e4t, vom Neubau oder vom Fleischkonsum h\u00e4tte massive Auswirkungen auf die Absatzzahlen der dahinterliegenden Industrien. Eine Umgestaltung und Konversion weiter Teile dieser Wirtschaftszweige ist damit unumg\u00e4nglich. Dennoch verbleibt Suffizienzpolitik sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in der politischen Praxis h\u00e4ufig kleinteilig und fokussiert auf die Schaffung von konsumseitigen Alternativen. Es geht um die Schaffung neuer Fahrradwege, die Erm\u00f6glichung alternativer Wohnformen oder vegane Alternativangebote. Fragen des Eigentums, von Machtverh\u00e4ltnissen und Entscheidungsstrukturen in den zugeh\u00f6rigen Wirtschaftsbereichen werden selten adressiert. So h\u00e4tte Suffizienzpolitik zwar das Potential, tiefgreifende Ver\u00e4nderungen in Bezug auf die wirtschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse zu bewirken. Dieses Potential, zentrale Wirtschaftsbereiche umzugestalten, ist bisher jedoch nur selten thematisiert worden.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>2. Suffizienzpolitik kann mit dem Argument der Grenzen von Konsum und Produktion eine Abkehr von Wachstumsorientierung bef\u00f6rdern und damit den Diskursraum f\u00fcr Vergesellschaftungen erweitern.<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Perspektive der Suffizienz kann nicht nur als sozial-\u00f6kologische Richtschnur f\u00fcr vergesellschaftete Unternehmungen dienen, sondern dar\u00fcber hinaus den Diskursraum f\u00fcr Vergesellschaftung erweitern. Denn mit sozialen und \u00f6kologischen Argumenten f\u00fcr Grenzen des Konsums und der Produktion tr\u00e4gt Suffizienzpolitik zu einer Abkehr von Profit- und Wachstumsstreben bei und erweitert damit den Diskursraum f\u00fcr andere, gemeinwohlorientierte Unternehmenszwecke.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>3. <\/strong><strong>Suffizienz macht durch eine Begrenzung von Konsum- und Produktionsniveaus wachstumsorientierte Gesch\u00e4ftsmodelle weniger attraktiv; dadurch wird Vergesellschaftung vereinfacht.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Diese Abkehr von Profit- und Wachstumsstreben hat jedoch nicht nur eine diskursive Ebene. Denn wo Wachstums- und Profitorientierung durch Suffizienzpolitik eingeschr\u00e4nkt oder zumindest anderen gemeinwohlorientierten Zwecken untergeordnet werden, ist eine klassische profitorientierte Unternehmung weniger lukrativ. Andere, vergesellschaftete Eigentumsformen k\u00f6nnen so leichter aufgebaut und ausgeweitet werden. Bisher sind uns keine Beispiele bekannt, in denen Suffizienzpolitik ma\u00dfgeblich dazu gef\u00fchrt hat, dass eine Vergesellschaftung stattfinden konnte. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Suffizienzpolitik bisher nur selten umgesetzt wurde.\u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>F\u00fchrt mehr gesellschaftlicher Einfluss zu \u00f6kologischerem Unternehmenshandeln?<\/strong><\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>1. Vergesellschaftung f\u00fchrt nicht automatisch zu einer suffizienten Unternehmung<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vergesellschaftung bedeutet nicht per se einen Schritt in eine sozial-\u00f6kologische Richtung. Zu zahlreich sind die Beispiele von Unternehmungen, die beispielsweise in \u00f6ffentlicher Hand und \u00e4u\u00dferst umweltsch\u00e4dlich sind. Zu nennen w\u00e4ren die Energie Baden-W\u00fcrttemberg (ENBW) AG mit zahlreichen fossilen Kraftwerken oder kommunale Energieversorger mit Kohlekraftwerken, wie in M\u00fcnchen, Hamburg oder Flensburg. Auch kommunale oder genoss*innenschaftlich organisierte Wohnungsunternehmen sanieren nicht automatisch mehr oder bauen \u00f6kologischer und sparsamer. Ohne sozial-\u00f6kologische Rahmenbedingungen drohen auch vergesellschaftete Unternehmungen daher richtungsblind zu bleiben. Suffizienzpolitik scheint mit ihrem Fokus auf absolute Grenzen f\u00fcr Konsum- und Produktionsniveaus besonders geeignet, zielf\u00fchrende Rahmenbedingungen zu setzen. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>2. <\/strong><strong>Vergesellschaftung kann die Voraussetzungen f\u00fcr Suffizienz schaffen.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>An vielen Stellen der Umwelt- und Suffizienzdebatte scheint es im Moment kein Weiterkommen zu geben. Ank\u00fcndigungen der EU, den Verbrauch von Pestiziden und Eiwegplastik senken zu wollen, sto\u00dfen auf erbitterte Widerst\u00e4nde der Chemieindustrie. Es scheint angesichts der Gewinninteressen der Automobil- und Bauindustrie aussichtslos, die Produktion von Stahl, Zement und Autos absolut zu senken oder eine Umverteilung von Wohnraum zu organisieren, statt immer weiter neu zu bauen. Denn Unternehmen stehen in Konkurrenz zu anderen Unternehmen, sind auf Finanzierung angewiesen und stehen h\u00e4ufig unter Wachstumsdruck. Mehr gesellschaftlicher Einfluss k\u00f6nnte ein Korrektiv dazu sein, Unternehmenshandeln prim\u00e4r an Profiten und Wachstum auszurichten. Ein gemeinwohlorientiertes Zusammenspiel von Vergesellschaftungen und Suffizienzpolitik l\u00e4sst sich in der Schweiz beobachten. Dort gilt in zahlreichen Genoss*innenschaften sowie in den Wohnungen der Stadt Z\u00fcrich eine Mindestbelegungsquote. Das hei\u00dft in keiner Wohnung darf die Anzahl der Personen die Anzahl der Zimmer um mehr als eins unterschreiten. In einer F\u00fcnfzimmerwohnung m\u00fcssen also mindestens vier Menschen leben. Ist dies nicht mehr der Fall, muss man sich neue Mitbewohner*innen suchen oder umziehen. Verschiedene Ausnahme und Umzugsregeln federn die Regelung sozial ab. Dies stellt einen Versuch dar, f\u00fcr eine sozial-\u00f6kologisch gerechte Verteilung des Wohnraums zu sorgen und scheint unter anderem m\u00f6glich, da sich die entsprechenden Wohnungen in vergesellschaftetem Eigentum befinden. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>3. <\/strong><strong>Vergesellschaftung kann zu Verantwortungs\u00fcbernahme und dadurch zu Suffizienz f\u00fchren.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Schon heute gibt es viele Besch\u00e4ftigte, die nicht l\u00e4nger in umweltsch\u00e4dlichen Branchen arbeiten wollen. Sie wollen nicht l\u00e4nger Verbrennungsmotoren bauen und w\u00fcrden f\u00fcr sich und ihre Kinder lieber daran beteiligt sein, zukunftsf\u00e4hige Produkte wie W\u00e4rmepumpen oder Windkraftanlagen herzustellen. Tats\u00e4chlich kann die Einbindung in demokratische Verfahren und ein gesteigertes Verantwortungsgef\u00fchl subjektive Einstellungen ver\u00e4ndern. Mehr gesellschaftlicher Einfluss auf Unternehmenshandeln w\u00fcrde auch bedeuten, dass nicht nur Besch\u00e4ftigte, sondern auch weitere Betroffene vom Unternehmenshandeln st\u00e4rker in Entscheidungen eingebunden w\u00e4ren. Auch hier\u00fcber k\u00f6nnte eine st\u00e4rkere Suffizienzorientierung von Unternehmen erfolgen. So zeigen <a href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/energiewende\/energiewende_europa_entfesselt_broschuere.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Beispiele<\/a> von Energiegenoss*innenschaften in Belgien, dass eine gemeinschaftliche Produktion und Nutzung dazu beitragen kann insgesamt weniger Energie zu verbrauchen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit: Vergesellschaftungs- und Suffizienzdebatten sollten sich st\u00e4rker austauschen<\/strong>\u00a0<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Vergesellschaftungsdebatte legt den Fokus auf Machtverh\u00e4ltnisse, Arbeitsk\u00e4mpfe und soziale Bewegungen. Eine suffizienzpolitische Rahmung kann dazu beitragen, dass Vergesellschaftungen Teil einer sozial-\u00f6kologischen Transformation werden. Andersherum ist ein Umbau der Machtverh\u00e4ltnisse zugunsten gemeinwohlorientierter Akteur*innen in der Wirtschaft hilfreich, um suffizienzorientierte und damit umweltgerechte Gesetzgebung umzusetzen. Konkrete Forderungen f\u00fcr Suffizienzpolitik d\u00fcrfen daher die Eigentumsfrage nicht ausblenden und sollten transformative Elemente enthalten, um Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse abzubauen. So k\u00f6nnten Vergesellschaftungen und Suffizienzpolitik zu Schl\u00fcsselkonzepten einer radikalen sozial-\u00f6kologischen Transformation werden.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgehend von einem Workshop bei der Vergesellschaftungskonferenz verfassten Jonas Lage, Lia Polotzek und Benjamin Best diesen Artikel, der zuerst auf dem Postwachstumsblog erschien. Auf der Vergesellschaftungskonferenz im Oktober 2022 in Berlin wurden verschiedene Strategien f\u00fcr eine demokratischere und sozial-\u00f6kologisch gerechte Wirtschaft diskutiert. 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