Im Gastbeitrag fordert Jan Wintgens Public Pharma als Öffentlichen Luxus.
Während Europa über „Resilienz“ redet, stellt Schweden sich leise auf eigene Füße – nicht militärisch, sondern pharmazeutisch. Während Deutschland Vorratskammern füllt, baut Schweden Fabriken. Es sind zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Was tun, wenn die globalen Lieferketten reißen, wenn Pandemien die Märkte leerfegen und Antibiotika plötzlich nicht mehr lieferbar sind? Die eine Antwort vertraut auf den Markt und die eigene Macht, ihn zu beeinflussen, die andere Antwort setzt auf die öffentliche Hand. Die eine hortet, die andere handelt. Und vielleicht erzählt genau das mehr über die politische Kultur eines Landes als jede Gesundheitsstrategie.
Die Europäische Union hat ihre Diagnose längst gestellt. In einem Bericht des Europäischen Parlaments von 2021 ist minutiös aufgelistet, was im europäischen Pharmasystem schiefläuft: Unterinvestition in unprofitable Bereiche wie Antibiotika, die Konzentration der Produktion in den Händen weniger Konzerne, ungleiche Versorgung zwischen Regionen, fehlende Koordination in der Forschung, schwache Lieferketten, und hohe Markteintrittsbarrieren für neue Akteure, die nicht profitorientiert arbeiten (EPRS, 2021). Anders gesagt: Die Pharmaindustrie funktioniert nur dort, wo sich Geld verdienen lässt – und sie versagt überall dort, wo es um öffentliche Bedürfnisse geht.
Preppen oder Vorsorgen?
Das spürt man nicht nur abstrakt. In Deutschland ist das Scheitern längst in den Apotheken angekommen. Hunderte Medikamente sind aktuell nicht verfügbar, darunter Antibiotika, Schmerzmittel, Kinderarzneien. Laut Umfragen haben über 40 % der Bevölkerung bereits selbst Lieferengpässe erlebt. (Monitor Versorgungsforschung, Gesundheitsministerium Bayern, ABDA 1, ABDA 2). Und die Reaktion der Bundesregierung auf diese Krise liest sich wie das Handbuch eines gut organisierten neoliberalen „Preppers“: Bedarfe ermitteln, einkaufen, lagern. Das neue Notfallreservegesetz zielt darauf, in Krisen die Lager zu füllen – nicht die Produktionsstätten. Statt die Ursachen zu beseitigen, werden die Symptome verwaltet (BMG, 2024).
Das ist keine Krise der Organisation, sondern des Denkens. Denn die Vorstellung, man könne sich durch Vorratshaltung und Kaufkraft aus der globalen Abhängigkeit freikaufen, ist ein Relikt aus imperialer Vergangenheit. Sie geht davon aus, dass Deutschland – mit Geld und Macht – immer bekommt, was es braucht. So war es bei den Masken zu Beginn der Pandemie, so bei den Impfstoffen. Aber wer glaubt, dass diese Haltung auf Dauer trägt, hat nicht verstanden, dass die nächste Krise nicht durch Knappheit, sondern durch politische und ökologische Instabilität bestimmt sein wird. Dann wird die Frage nicht mehr sein, was man sich leisten, sondern was man überhaupt noch herstellen kann.
Schweden als Inspiration
Schweden hat sich entschieden, diese Frage praktisch zu beantworten. Dort hat der Staat kürzlich ca. 62 Millionen Euro investiert, um die Antibiotikaproduktion wieder ins Land zu holen. Die Firma Apotek Produktion & Laboratorier (APL), ein staatseigenes Pharmaunternehmen, übernimmt eine Produktionsstätte für Penicillin im südschwedischen Strängnäs – ein Schritt, der fast unspektakulär wirkt, auch was die Kosten angeht, der aber politisch revolutionär ist (Pharmazeutische Zeitung, 2025). Denn Schweden erkennt an, was andere Länder verdrängen: dass bestimmte Güter – wie Medikamente – zu grundlegend sind, um sie den Marktzyklen und globalen Lieferketten zu überlassen.
APL ist ein Sonderfall in Europa. Die Firma entstand ursprünglich aus der staatlichen Apothekenstruktur der 1970er Jahre und wurde 2010 als staatliches Produktionsunternehmen ausgegliedert. Sie produziert Arzneimittel, die für private Konzerne zu wenig Gewinn bringen: patientenindividuelle Rezepturen, sterile Krankenhauspräparate, Arzneien für Kinder und Menschen mit seltenen Krankheiten. Das klingt unspektakulär, ist aber ein direkter Eingriff in das, was selbst das Europäische Parlament als „Marktversagen“ bezeichnet. APL produziert dort, wo der Markt es nicht tut, und sichert damit Versorgung, die sonst einfach entfiele (vgl. Apotek Produktion & Laboratorier, 2025; CurifyLabs, 2024).
Public Pharma als Öffentlicher Luxus
Man kann diese Form öffentlicher Produktion als „Public Pharma“ bezeichnen, wie es das People’s Health Movement tut – oder einfach als das, was sie im Kern ist: ein Element öffentlichen Luxus. Denn öffentlicher Luxus bedeutet, dass lebensnotwendige Güter in hoher Qualität und Sicherheit allen zugänglich sind – ohne dass sie von Kaufkraft oder Marktlogik abhängen. Öffentlicher Luxus heißt nicht Überfluss, sondern Souveränität. Es ist die Möglichkeit, dass Gesellschaften ihre Existenzgrundlagen selbst sichern können.
APL ist also ein Beispiel dafür, wie diese Idee konkret wird. Nicht als moralisches Projekt, sondern als Infrastruktur. Öffentlicher Luxus in diesem Sinn ist keine staatliche Wohltat, sondern ein System der Selbstermächtigung. So wie der öffentliche Nahverkehr, Bildung oder Gesundheit nicht dem Markt überlassen werden, sondern als kollektive Leistung organisiert wird, könnte auch die Medikamentenproduktion in diese Kategorie gehören. Eine Gesellschaft, die ihre Arzneimittel selbst produziert, befreit sich nicht nur von ökonomischer Abhängigkeit – sie entzieht sich auch einem zentralen Instrument imperialer Macht: der Kontrolle über die Lebensgrundlagen anderer.
Dass Schweden sich diesen Schritt leisten kann, hat mit Vertrauen zu tun – in Institutionen und Gemeinwohlorientierung. Über 60 % der Bevölkerung geben an, dass man „den meisten Menschen vertrauen kann“, und das Land gehört laut OECD und Transparency International zu den transparentesten der Welt (GE, OECD). Dieses Vertrauen ist kein Zufall, sondern Teil eines Sozialstaatsverständnisses, das unter dem Begriff Folkhemmet – „das Volksheim“ – seit Jahrzehnten Einfluss auf Politik und Gesellschaft hat. In so einer Kultur kann der Staat Produzent sein, ohne Verdacht auf Korruption oder Inkompetenz zu erwecken. In Deutschland hingegen würde eine staatliche Medikamentenfabrik vermutlich von vielen Medien als „ineffizient“ oder „bürokratisch“ verspottet – und gleichzeitig wäre man empört, wenn das Paracetamol wieder knapp wird.
Öffentlicher Luxus ist für alle!
Natürlich ist auch das schwedische Modell nicht perfekt. Der Staat hat viele dieser Institutionen zurückgebaut, auch hier gab es eine Welle neoliberaler Politik. Zudem fordert die Regierung von ihren Staatsunternehmen weiterhin, „kommerziell“ zu wirtschaften und Gewinne zu erzielen (Government of Sweden, 2025). Diese Logik – dass selbst öffentliche Betriebe ihren Wert an Renditen messen müssen – ist ein Widerspruch in sich. Denn Öffentlicher Luxus lässt sich nicht in Dividenden ausdrücken. Sein Ertrag ist nicht Profit, sondern Sicherheit, Vertrauen, Versorgung.
Doch trotz dieser Beschränkungen zeigt Schweden, dass es anders geht: dass Produktion als Teil öffentlicher Infrastruktur möglich ist, dass sie demokratisch legitimiert und ökologisch nachhaltig organisiert werden kann. Und dass daraus nicht Ineffizienz, sondern Stabilität entsteht.
Deutschland dagegen setzt weiterhin auf Prepping, Einkauf und Macht. Es ist das Verhalten eines wohlhabenden Staates, der die Krise verwalten kann, aber nicht ihre Ursachen. Während Schweden Kapazitäten schafft, schafft Deutschland Vorräte. Der Unterschied ist entscheidend: Der eine Weg baut auf Autonomie, der andere auf Abhängigkeit.
Wenn man die aktuelle Situation durch die Linse des Öffentlichen Luxus betrachtet, wird deutlich, dass wir uns als Gesellschaft zu klein denken. Wir begnügen uns mit „Sicherheit durch Kaufkraft“. Das hat zwei große Haken. Der erste ist, dass echte Sicherheit nur durch geteilte Infrastruktur entstehen kann. Der zweite ist, dass wir damit in die Pflicht kommen, die Marktprivilegien verteidigen zu müssen um weiter Zugang zu Medikamenten zu haben – eine imperiale Falle. Öffentlicher Luxus ist keine Frage des Budgets, sondern des politischen Willens, die Grundlagen unseres Lebens selbst zu gestalten. Er bedeutet, dass das, was wir alle brauchen – Medikamente, Energie, Wasser, Mobilität – nicht der Profitlogik überlassen wird und damit können wir auch solidarischere Politik gegenüber dem Rest der Welt gestalten, anstatt in einem Rennen gefangen zu sein in dem es immer mehr Verlierer gibt.
Der Anspruch ist global
Vielleicht ist Schweden damit ein Labor für eine neue Idee von Souveränität. Und vielleicht wird der nächste Schritt sein, solche Strukturen europäisch zu denken: als eine gemeinsame, demokratisch gesteuerte Infrastruktur, die Gesundheit als Recht versteht, nicht als Markt. Doch Souveränität endet nicht an der Landesgrenze. Wenn Schweden Antibiotika wieder selbst produziert, ist das ein Schritt – aber keine Befreiung. Wirkliche pharmazeutische Unabhängigkeit kann es nur global geben. Medikamente und Wissen müssen als Gemeingüter organisiert werden, nicht als nationales Kapital. Public Pharma ist keine nationale Industriepolitik, sondern ein anti-imperialistisches Projekt: gegen Patente, gegen koloniale Lieferketten, für eine demokratische, weltweite Infrastruktur der Gesundheit, also globaler öffentlicher Luxus.
Schweden müsste also – konsequent gedacht – nicht nur selbst produzieren, sondern Wissen und Patente freigeben, um auch ärmeren Ländern pharmazeutische Selbstbestimmung zu ermöglichen. Denn das Ziel ist nicht nationale Abschottung, sondern eine globale Vergesellschaftung des Lebensnotwendigen – eine Public Pharma, die allen gehört und niemanden ausschließt. Die EU hat die Probleme der Versorgung längst erkannt, sie benennt sie sogar präzise – aber sie zieht keine Konsequenzen. Sie ruft nach Resilienz, aber beauftragt private Lieferanten. Sie fordert Versorgungssicherheit, aber verhindert öffentliche Produktion. Der Markt hat versagt, und trotzdem bleibt er die Standardantwort. Es drängt sich die Frage auf, ob diese Antwot deshalb gewählt wird, weil sie das Patent- und damit Profitsystem schützt, statt solidarisch zu handeln. Wenn Schweden heute Antibiotika produziert, ist das mehr als eine technische Entscheidung – es ist ein politischer Akt. Ein Land erklärt damit: Wir verlassen uns nicht mehr auf ein System, das uns krank macht. Das ist vielleicht die bescheidenste Form von Revolution, die Europa heute zu bieten hat – vielleicht ist es damit auch die dringlichste. Die weiteren Schritte zum globalen öffentlichen Luxus müssen folgen.



