Wirtschaft selber machen
Jun 12, 2021

Unternehmensnachfolge demokratisch gestalten

Zwischen 2018 und 2022 steht in 150.000 deutschen Unternehmen eine Nachfolge an. Häufig handelt es sich dabei um kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Familienbetriebe, die einen wichtigen Beitrag zur lokalen Ökonomie leisten und gute Arbeit vor Ort sichern. Diese Unternehmen stellen das Rückgrat der deutschen Wirtschaft dar. In vielen Fällen bereitet die unsichere Nachfolgesituation jedoch Unternehmer*innen, Beschäftigten und Kommunalpolitiker*innen gleichermaßen Kopfschmerzen. Wird keine tragfähige Übergabelösung vor Ort gefunden, können Eigner*innen zur Schließung oder zum Verkauf gezwungen sein. In beiden Fällen sind Jobs bedroht, Wohlstand wird aus lokalen Wirtschaftskreisläufen abgezogen und die Diversität und Krisenfestigkeit der Wirtschaftsstruktur geschwächt.

Zeitgleich mit der anstehenden Nachfolgewelle stehen wir vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Klimaerhitzung, globale Ungleichheit, eine zunehmend gespaltene Gesellschaft und eine tiefe Krise der liberalen Demokratie erfordern dringend eine umfassende Neustrukturierung der Wirtschaft. Dabei geht es unter anderem um postfossile Geschäftsformen, neue Arbeitsmodelle, gerechte Digitalisierung und eine breitere Teilhabe an Wirtschaftsprozessen durch eine Demokratisierung der Eigentumsstrukturen.

Unternehmen denen, die drin arbeiten

Es gilt, die Übergabe von Unternehmen an die nächste Generation in einer Weise zu gestalten, die für Eigner*innen, Beschäftigte und die lokale Wirtschaftsstruktur vorteilhaft ist und zugleich zu einer sozial-ökologischen Transformation unserer Wirtschaft und  Gesellschaft beiträgt.

Eine wichtige Rolle können dabei Unternehmen spielen, die den Mitarbeitenden gehören und von diesen verwaltet werden. Solche demokratischen Unternehmen sind lokal verankert und stärken die regionale Wirtschaftsstruktur in ihrer Resilienz gegen Schocks und Krisen. Sie bewahren Wohlstand vor Ort und schaffen sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze. Durch ein hohes Maß an Mitbestimmung und innerbetrieblicher Gleichheit ist die Produktivität in selbstverwalteten Betrieben häufig nachweislich größer als in konventionellen Unternehmen. Darüber hinaus nehmen nach genossenschaftlichen Prinzipien organisierte Firmen eine besondere Verantwortung für die Umsetzung gesellschaftlicher Ziele in den Bereichen Ökologie und sozialer Gerechtigkeit wahr.

Für eine Übergabe von KMU an die Belegschaft spricht zudem, dass die Mitarbeitenden am besten wissen, worauf es in ihrer Arbeit ankommt und dem Unternehmen eng verbunden sind. Als Miteigner*innen steigt ihr Interesse am langfristigen Erfolg des gemeinsamen Unternehmens und eine nachhaltige Ausrichtung wird garantiert.

Zur Zeit stehen der Übergabe von Unternehmen an die Mitarbeitenden zahlreiche Hürden im Wege. Dazu gehört neben der Schwierigkeit des Zugangs zu langfristiger Finanzierung vor allem das Fehlen zentraler Beratungsstellen.

Beratungsstelle für demokratische Unternehmen

Eine Lösung könnte sein, in Kooperation mit Gewerkschaften, Vertreter*innen des Mittelstands, Kommunalverbänden und Expert*innen für Wirtschaftsförderung eine zentrale Kompetenz- und Beratungsstelle für die Übergabe von Unternehmen an die Mitarbeitenden als attraktive Nachfolgeregelung aufzubauen. Hier wäre Wissen rund um bestehende Förderangebote, mögliche Rechtsformen und Best Practice-Fälle aus dem In- und Ausland gebündelt. Eigner*innen, Belegschaftsgruppen und kommunale Wirtschaftsförderer fänden hier eine erste Anlaufstelle und individuell angepasste Unterstützung und Begleitung bei Übergabeprozessen. Zusätzlich würden, unter anderem gemeinsam mit lokalen und sozial ausgerichteten Banken, Konzepte für Finanzierungs- und Förderinstrumente erarbeitet und umgesetzt werden.

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