Dieser Gastbeitrag auf dem communia Blog wurde von Tom Selje und Paul Strikker geschrieben. Beide arbeiten wissenschaftlich zu Klimafolgen und Wasserressourcen.
Wasser ist für das Leben der elementarste Stoff: Es war, ist, und wird für immer das zentrale Reproduktionsmittel aller Gesellschaften sein. Wasser ist universell, um Leben zu erhalten.
Die UN hat dieses Jahr offiziell den globalen Wasserbankrott ausgerufen. Was vorher noch temporäre Wasserkrisen waren, ist jetzt ein kaum reversibler Dauerzustand. Auch in Deutschland steuern wir auf akute Trinkwasserknappheit zu, denn Deutschland gehört zu den Regionen mit dem größten Grundwasserverlust weltweit. Bereits jetzt leidet rund die Hälfte der Landkreise unter Wasserstress (BUND 2025). Die Reaktionen auf die knapper werdende Ressource Wasser zeigen sich deutlich entlang der Verteilungsfrage.
Besonders präsent ist dies in Brandenburg, einem Gewässer-reichen aber Wasser-armen Bundesland, das zu den niederschlagsärmsten Regionen Europas wird. Während bundesweit Haushalten verboten wird ihre Gärten zu bewässern, gehen die Vorschläge in Brandenburg einen Schritt weiter. In Strausberg-Erkner sollen Personen nur 105l Wasser pro Tag nutzen dürfen (rbb 2025) – der Bundesdurchschnitt liegt bei 128 Litern. Der Konflikt: Hier soll privater Wasserverbrauch eingeschränkt und gleichzeitig wasserintensive Industrie wie KI-Rechenzentren angeworben werden.
Dieses Beispiel verdeutlicht eine Neoliberalisierung der Wasserkrise wie sie bereits im Klimaschutz erkennbar ist (z.B. Verantwortung durch Konsumveränderung). Private Sparapelle und eine Reduzierung auf Konsum sollen die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise eindämmen. Doch die größten Wasserverschwender sind die Industrien – vor allem jene, die besonders Treibhausgas-intensiv sind. Fossile Kohle- und Gaskonzerne, Stahl- und Chemieindustrie, Auto- und Agrarkonzerne allein nutzen und verschmutzen jährlich etwa 70 Prozent des hierzulande verbrauchten Wassers.
Die Landespolitik könnte hier eingreifen. Doch stattdessen erhalten immer mehr industrielle Verbraucher langjährige Wasserentnahmerechte für Grundwasserquellen: Beispielsweise bei Rauch und RedBull in Baruth, bei den geplanten Rechenzentren in ganz Brandenburg oder bei Tesla in Grünheide. Was auffällt ist, dass selbst in großer Wasserknappheit industrielle Großverbraucher praktisch keine Einschränkungen erfahren. Hier zeigt sich, wie Wirtschaftsinteressen Vorrang vor menschlicher Grundversorgung bekommen.
Ein noch drastischeres Bild zeigt sich bei der LEAG. Der Braunkohlekonzern entzog der Lausitz Jahre lang unreguliert Wasser – mit Duldung der lokalen Regierung. In der Konsequenz fehlen der Lausitz Milliarden an Kubikmeter, die die LEAG nahezu kostenlos für ihre Kühlung genutzt oder in die Spree abgeleitet hat. Dazu verschmutzt der Konzern das Grundwasser. Neben lokalem Grundwasserstress und verdrecktem Wasser bedeutet dies auch eine potenzielle Trinkwasserkrise für Berlin. Berlin bezieht knapp 60% seines Trinkwassers aus Uferfiltraten der Spree und Havel. Die Spree wird aktuell durch abgepumptes Sümpfungswasser zur Trockenlegung der Tagebauen künstlich angereichert. Wenn das in Zukunft nicht mehr passiert, wird der Fluss um bis zu 70% seiner Wassermenge verlieren oder teilweise sogar ganz trocken fallen. Rechtlich ist die LEAG zur Wiederherstellung der von ihr zerstörten Landschaft verpflichtet. Das sollte auch Lösungen für die regionale Wasserknappheit bedeuten.
Doch der Konzern entzieht sich jeglicher Verantwortung: Ob die Ernennungen des früheren Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich zum Aufsichtsratchefs der MIBRAG (Schwesterkonzern der LEAG), nachdem er den Kohleausstieg mit der LEAG “verhandelt” hat nachgelagerte Korruption oder Vergleichszahlungen an Frankfurt Oder kurz vor Gerichtsverhandlungen auf EU-Ebene wegen schlechter Wasserqualität “Schweigegeldzahlungen“ sind (Joeres, Kolb und Huth, 2023), bleibt den Lesenden zu beurteilen.
Zwar kann man einigen Politiker*innen hier eigennütziges Interesse vorwerfen, andere scheinen den Konzernen jedoch in Teilen ausgeliefert zu sein. So kämpfte die Stadt Frankfurt Oder bis zum Europäischen Gerichtshof gegen die LEAG, ergab sich dann jedoch dem lukrativen Angebot von 5 Millionen Euro zum Bau eines Klärwerkes. Auch in Baruth und Grünheide werden in strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze gegen Wasser eingetauscht.
Pointiert formuliert führt die Geißelung der kommunalen Haushalte sowie kurzfristige Wahlinteressen zu einer Privatisierung und damit Zuspitzung der Wasserkrise.
Es braucht also Druck für eine gemeinschaftliche Kontrolle, die sich kurzfristigen Interessen entgegenstellen kann. Dafür braucht es Transparenz über tatsächlichen Wasserverbrauch, klare Vorrangregelungen für Wasser als Daseinsvorsorge, demokratische Kontrolle und ein Eingreifen in die Industrie, das Wasserverbrauch aktiv deckelt und bestehende jahrzehntelange Entnahmerechte einschränken kann. Da in Deutschland das Wasserrecht auf niedriger, meist lokaler Ebene durchgesetzt wird, sehen wir hier ein wichtiges strategisches Feld für den Neuen bzw. Radikalen Munizipalismus.
Radikaler Munizipalismus als Antwort
Munizipalismus als Antwort auf die Wasserkrise stammt jedoch nicht nur von arbiträren politischen Regelungen, sondern begründet sich auch aus den materiellen Eigenschaften der Wasserkreisläufe selbst. Wasser wird aus Quellen entnommen und dann wieder in Ökosystemen als Senken abgegeben – der soziale Stoffwechsel mit dem Wasserkreislauf. Der Wasserkreislauf ist die Bewegung von Wasser durch alle Sphären der Erdoberfläche. Wasser wird durch Verdunstung aus Ozeanen, Seen und Flüssen in die Atmosphäre freigesetzt und kondensiert dort zu Wolken. Als Niederschlag gelangt es zurück auf die Erdoberfläche und wird von Pflanzen aufgenommen oder sammelt sich im Boden und in Gewässern. Pflanzen geben Wasser durch Transpiration, also Verdunstung an den Blättern, wieder an die Atmosphäre ab. Ein Teil des Wassers versickert im Boden und bildet Grundwasser, während der Rest als Oberflächenabfluss in Flüsse und Meere zurückfließt. Durch diesen Kreislauf bleibt Wasser in der Umwelt verfügbar und wird kontinuierlich zwischen den verschiedenen Sphären ausgetauscht.
Der soziale Stoffwechsel mit dem Wasserkreislauf manifestiert sich in den meisten Gesellschaften materiell in einer lokalen Versorgungsstruktur als natürliches Monopol. Es gibt immer ein Leitungs- und Reinigungssystem was von der Gemeinschaft vor Ort durch Kommunen, Bezirke oder Städte errichtet worden ist – auf der munizipalistischen Ebene. Auf dieser Ebene positioniert der Radikale Munizipalismus auch den Ort für radikalen sozialen Wandel. Er folgt dabei der Tradition des Neuen Munizipalismus – eine Anti-Austeritäts Bewegung, die vor allem in Südeuropa in den 2010er Jahren politische Ämter für reformistische Vergesellschaftungen in Form von Rekommunalisierung gewann. Im Fall von Wasser lassen sich mit dieser Linse zwei Fälle untersuchen, die Aufschlüsse liefern können, wieso Rekommunalisierung nicht direkt Vergesellschaftung bedeutet, wieso es als Prozess begriffen werden sollte, welche Hürde wir in Zukunft adressieren müssen, und es trotzdem gelingen kann. Hierfür können wir uns Barcelona und deren Nachbarstadt Terrassa anschauen.
Barcelona versuchte nach dem Wahlsieg von Ada Colau 2015 das städtische Wassernetz zu rekommunalisieren. Bereits im vorhinein machte die neue munizipalistische Bewegung um Ada Colau auf die Missstände der privaten Trinkwasserversorgung der Stadt aufmerksam: neben den hohen Preisen und das Abstellen von 120.000 Haushalten in 2014 als auch eine undurchsichtige Neuvergabe der Konzessionsverträge im Jahr 2012 ohne korrekte Ausschreibung. Letztendlich und zur Überraschung aller Akteure verlor die Regierung von Ada Colau vor dem nationalen spanischen Gericht das Verfahren um die Rekommunalisierung der Wasserversorgung Barcelonas. Agbar und das globale Kapital haben (erstmal) gewonnen. Gründe dafür können in der Strategie des Unternehmens gefunden werden. Der private Konzern Agbar, der zu diesem Zeitpunkt bereits fast 150 Jahre die Konzessionsverträge innehatte und mittlerweile Teil eines globalen Unternehmenskonglomerats ist, reagierte mit drei Strategien. Erstens, versucht Agbar symbolisch zum einen Nähe zur Bevölkerung mit Werbekampagnen zu performen und im gleichen Zug sich, ironischerweise, selbst als öffentliches Unternehmen darzustellen, da es ja das öffentliche Gut Wasser zur Verfügung stelle. Zweitens, initiierte Agbar als eine Art Klassenkompromiss eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, unterstützte temporär Haushalte denen aus finanziellen Gründen das Wasser abgestellt wurde, und rief einen “Beirat” ein, der als PR Maßnahme Transparenz und Partizipation signalisieren sollte. Drittens, überzog Agbar die Regierung von Ada Colau mit gerichtlichen Klagen, die Ausgaben für Machbarkeitsstudien und -prozesse von Rekommunalisierung als Verschwendung öffentlicher Mittel darstellen sollte (Gerstenhöfer, 2025).
Ein zunächst erfolgreicher Versuch Wasser zur Rekommunalisierung findet sich nicht weit von Barcelona: in der katalanischen Nachbarstadt Terrassa in 2019. Hier, im Unterschied zu Barcelona, initiierten die Bürger:innen eine erfolgreiche Kampagne zum Ablauf der Konzessionsverträge in 2016 vom privaten Konzern Mina. Begriffen als fortlaufenden Prozess, erkämpften die Kampagne den Aufbau einer citizen water observatory (OAT) – Bürger:innenwasserbeobachtungsstelle, angesiedelt zwischen der kommunalen Regierung, dem neuen öffentlichen Wasserunternehmen Taiga, und den Bürger:innen. Offiziell hatte das OAT die Rolle für strategische Entscheidungen sowie Vorschläge einzubringen und zu begutachten. Ein wichtiger Erfolgsgrund war außerdem das Aneignen von Wissen rund um die komplexe Infrastruktur der Trinkwasserversorgung – u.a mit Hilfe von Universitäten und Arbeiter:innen. Weiterhin verstanden das OAT und die Wasseraktivist:innen die Rekommunalisierung als Prozess und fortlaufendes Experiment – auch in und durch die Institution als Bricolage (Bastelei). Dadurch konnte in Terrassa auch eine Schwelle hin zu einer echten Gesellschaft beobachtet werden. Neben dem üblichen Gegenwind von Kapital und Nationalstaat (Delegitimationkampangnen und institutioneller Widerstand) hatte die Rekommunalisierung auch mit der Gefahr von Neoliberalisierung bezüglich Devolution zu tun: also der Abgabe der Verantwortlichkeiten auf die unterste mögliche Ebene. Hier entsteht zwar eine Form der Machtumverteilung allerdings oft ohne die Menschen auf dieser Ebene mit den möglichen Ressourcen wie Zeit oder Geld auszustatten oder die gesetzliche Grundlage diese Verantwortlichkeiten auch gerecht zu werden. De facto führt dies oft zu unbezahlter Arbeit oder dem Schein von Mitsprache statt Vergesellschaftung (Geagea et al., 2026).
Neben anderen weniger emanzipatorischen Rekommunalisierungen in Paris, Berlin, oder Neapel zeigen die Beispiele von Barcelona und Terrassa vier Dinge.
Erstens, durch die materiellen Bedingungen und gleichzeitiger Universalität von Wasser ist die munizipalistische Ebene erfolgversprechend. Zweitens, gutes Timing (Ende von Konzessionsverträgen oder Dürren) und Beachtungen von Pfadabhängigkeiten sind wichtige Faktoren. Drittens, der Weg hin zur Rekommunalisierung und weiter zur Vergesellschaftung muss als fortlaufender Prozess verstanden werden und durch Bewegungsseite von Lernen, Experimenten und Bricolagen (also einer Mischung aus verschiedenen Strategien). Von der hegemonialen Seite muss mit diskursiven (De-)Legimationsversuchen, rechtlicher Kriegsführung, institutionellen Widerständen, und Klassenkompromissen (Verbesserung der Arbeitsbedingungen) gerechnet werden. Und viertens: Rekommunalisierung und Vergesellschaftung von Wasser ist durch seine Wichtigkeit einer der ersten und besten Wege um anzufangen, dem Selbsterhaltungsdruck aktueller Gesellschaften etwas progressives entgegenzusetzen.
Quellen:
BUND. (2025). Grundwasserstress in Deutschland Überblicksstudie: Struktureller und akuter Grund wasserstress durch öffentliche und nichtöffentliche Entnahmen auf Ebene der Landkreise
Butzer, L. (2024): Wie lässt sich die Wasserversorgung vergesellschaften? https://www.zeitschrift-luxemburg.de/artikel/wasser-vergesellschaften
Geagea, D., Kaika, M., & Dell’Angelo, J. (2026). „11: Recommoning Water: Terrassa’s Citizen-Driven Remunicipalization“. In Radical Municipalism. Bristol, UK: Bristol University Press. Retrieved Jul 10, 2026, from https://doi.org/10.51952/9781529236927.ch011
Gerstenhöfer, L. (2025). Der geplatzte Traum vom öffentlichen Wasser: Warum Barcelona die Wasserinfrastrukturen nicht kommunalisieren konnte. sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 13(2/3), 255-284. https://doi.org/10.36900/suburban.v13i2/3.999
Joeres, A., Kolb E., und Huth, K.. (2023). Verschmutztes Wasser: Kohlekonzern zahlt Schweigegeld. Verschmutztes Wasser: Kohlekonzern zahlt Schweigegeld – correctiv.org
rbb. (2025). Gericht: WSE darf Trinkwasser begrenzen, muss Regelungen aber nachbessern. Gericht: WSE darf Trinkwasser begrenzen, muss Regelungen aber nachbessern



