Ein Gastbeitrag von Friederike Karla Hildebrandt..
Ein Plädoyer KI zu enteignen, vergesellschaften und abzuschalten.
An diesem Wochenende findet Cables of Resistance, die erste Bewegungskonferenz gegen Big Tech, statt. Dieses Essay ist meine persönliche Meinung aber speist sich aus vielen Diskussionen und dem Manifest zur Konferenz. Die klugen Menschen, die die Inhalte geprägt haben könnt ihr in folgenden Talks hören : „Data centers parotut. Data Justice nulle part“, „Military Big Tech”, „Keynote zu Tech-Widerstand“ & „Technologisch forcierte Faschisierung”. Die Inspiration für Widerstand und Hoffnung speist sich aus den weltweiten Bewegungen gegen Big Tech, die für eine Zukunft jenseits des Techno-Faschismus kämpfen.
Ich arbeite jetzt seit 5 Jahren daran, wie sich Tech auf die Umwelt auswirkt, und seit ungefähr 3 Jahren auch – zu meinem Leidwesen – zum KI-Hype.
Letzte Woche saß ich mit einem Vertreter der großen Umweltverbände zusammen, der mir begeistert erzählte, dass das KI-Unternehmen Anthropic wegen seines Streits mit dem Pentagon überlege, nach Europa zu kommen, und es dann endlich ein europäisches KI-Unternehmen gäbe. Die Organisation arbeitet sonst zu Klimaschutz, Lieferketten und Menschenrechten, alles Fragen, die vom KI-Hype negativ beeinflusst werden, aber teilt dieselbe Sorge wie die CDU, Mario Draghi und die Gaslobby – dass Europa das „AI-Race“ verlieren könnte.
Dass Anthropic einen Streit mit dem Pentagon hat, liegt allerdings nicht daran, dass es sich um ein pazifistisches Unternehmen handelt, das seine Software nicht dem Verteidigungsministerium überlassen will – es bestand bereits ein Vertrag mit dem Pentagon über 200 Millionen US-Dollar.
„Versprechen der KI-Unternehmen und Tech-Milliardäre nach einer besseren, aber vor allen Dingen unvermeidbaren Zukunft mit KI fressen sich immer mehr ins progressive und linke Spektrum.“
Trotzdem fressen sich die Versprechen der KI-Unternehmen und Tech-Milliardäre nach einer besseren, aber vor allen Dingen unvermeidbaren Zukunft mit KI immer mehr ins progressive und linke Spektrum.
„KI ist eine Disruption, die sich nicht aufhalten lässt“, versuchte mir ein Mitarbeiter des Umweltministeriums neulich auf einer Neujahrsfeier zu erklären. Linke Genoss*innen werden nicht müde, mir zu erzählen, wie viel schneller und besser sie lange E-Mails schreiben können. NGO-Magazine benutzen immer häufiger KI-generierte Bilder.
Und linke Kritik an KI konzentriert sich häufig vor allen Dingen auf den Verlust von Arbeitsplätzen, statt auf die Gefahren der Technologie an sich. In liberalen Diskussionen setzt sich das Argument immer weiter durch, dass man technologisch „nicht zurückfallen dürfe“ und Risiken der Technologie nur – durch Regulierung oder Solarenergie – einhegen müsse.
Dieser Essay ist eine Sammlung an Gründen, warum
(1) KI nur durch massive Einkommenskonzentration möglich ist und wir sie dringend enteignen und vergesellschaften müssen.
(2) Und sie keinen Platz in einer linken, gerechten und ökologischen Zukunft hat.
Begriffsdefinition: Welche KI genau? Auch ein Taschenrechner?
Zunächst zur Begriffsklärung: In diesem Essay benutze ich den Begriff „KI” für die Algorithmen und Modelle, um die sich der aktuelle politische und wirtschaftliche Hype dreht, der Ende 2022 begonnen hat. Seit der Einführung von ChatGPT wird massiv in KI investiert und politisch für die notwendige Infrastruktur und öffentliche Förderung lobbyiert.
„Die gemeinten Algorithmen sind weder künstlich – sie basieren auf sehr realen, natürlichen Ressourcen –, noch intelligent – sie arbeiten primär mit Stochastik“
Die gemeinten Algorithmen sind weder künstlich – sie basieren auf sehr realen, natürlichen Ressourcen –, noch intelligent – sie arbeiten primär mit Stochastik. Der Großteil des KI-Hypes dreht sich um sogenannte Large Language Models bzw. Generative KI, die aus großen Datenmengen neue Inhalte generieren kann. Dabei liefert sie immer den stochastisch wahrscheinlichsten Mittelwert und wird deswegen auch „stochastischer Papagei“ bezeichnet. (Es wird allerdings auch immer ein kleiner Anteil Zufall und Ungenauigkeiten dazugerechnet, um die Ergebnisse interessanter zu machen und sie werde).
Aber nicht nur in diese Sprachmodelle wird aktuell massiv investiert und für sie politisch lobbyiert, sondern auch beispielsweise in Algorithmen, die große Datenmengen zusammentragen und auswerten – insbesondere für Militär und Überwachung, wie im Fall von Anthropic und Palantir für das Pentagon oder die deutsche Polizei. Diese Programme funktionieren technisch anders, aber sie werden ebenfalls unter dem KI-Stichwort diskutiert und geboostet.
Der Begriff der KI wurde historisch schon vor dem Beginn des aktuellen Hypes verwendet und hat immer unterschiedlich komplexe Algorithmen beschrieben – von Taschenrechnern bis aufwendiger Mustererkennung. Diese waren nie mehr als statistische Programme, aber der Begriff „KI“ suggeriert schon immer ein überhöhtes Potential, das Türen für Tech-Solutionismus offen hält. Schon 1972 schrieb Philosoph Hubert Dreyfus (vermutlich ähnlich genervt) das Essay „What Computers Can’t Do. A Critique of Artificial Reason“.
Es wird auch in einer linken Zukunft Algorithmen geben, doch es ist höchste Zeit, sie so genauso zu nennen, statt ihnen fälschlicherweise menschliche Eigenschaften wie Intelligenz zuzuschreiben. Möglicher Vorschläge wären „kleine, mittlere oder große Algorithmen” statt „neuronaler Netze” oder „Künstlicher Intelligenz”.
Warum KI vergesellschaften? – Keine KI ohne Kapitalakkumulation:
Die Entwicklung von KI wäre ohne die Macht- und Kapitalkonzentration bei den großen Techkonzernen wie Meta, Microsoft, Amazon oder Google oder Investoren wie SoftBank oder Peter Thiel nicht möglich. Technisch gesehen sind die Algorithmen nicht komplex, sie sind nur angereichert mit extrem vielen Ressourcen:
(1) Daten: Sie nutzen riesige Datenmengen, die im Internet frei zugänglich sind. Die Verarbeitung dieser Daten zum Training der Algorithmen ist jedoch trotzdem urheberrechtlich illegal, oder die Berechtigung ungeklärt. Zu den Trainingsdaten zählen auch „Digitale Commons“ wie Wikipedia-Einträge oder Freie Projekt Gutenberg. Eine anhaltenden intellektuellen Enteignung durch die KI-Unternehmen, die dieses freie Wissen für Profite missbrauchen. Quasi eine „Tragik der Digitalen Allemende“. Zunehmend werden außerdem Nutzer*innendaten eingespeist, die Tech-Unternehmen von ihren Plattformen gewinnen – Microsoft nutzt dazu Profile von LinkedIn, Meta von Instagram.
(2) Arbeit: Diese Daten wurden mit sehr vielen Stunden Arbeit per Hand codiert. Die Weltbank geht von 154 – 435 Millionen Coder*innen für die KI aus, insbesondere im Globalen Süden. Dank einer extrem globalisierten und ungleichen Lieferkette arbeiten sie zu Dumpinglöhnen und machen diese Modelle erst möglich.
(3) Energie & Rechenkapazitäten: Die Verarbeitung dieser Daten zum Training und auch der Nutzung der Modelle ist nur durch massive Rechenkapazitäten möglich, die nur die großen Tech-Konzerne zur Verfügung stellen können, da sie auch die weltgrößten Cloudanbieter sind. So war die Investition von Microsoft in die ChatGPT-Mutterfirma OpenAI nicht nur Kapital, sondern Microsoft stellte Open AI primär seine Rechenkapazitäten zum Training und Betrieb der KI zur Verfügung. Dabei sind die Rechenzentren ein Bottleneck, was Hardware betrifft. KI-Training und KI-Nutzung (Inferenz) ist nur möglich über Hochleistungschips (GPUs), wobei der Konzern Nvidia das Monopol auf die Lieferkette hat. Aktuell ist Nvidia eines der wertvollsten Unternehmen der Welt und investiert aktuell massiv in OpenAI,, die von diesen Investitionen wiederum massiv in Rechenzentrumsinfrastruktur investieren.
„Der Hype auf KI ist keine zufällige Entdeckung, sondern – ganz im Sinne kapitalistischer Planung – eine geplante technische Innovation.“
Der Hype auf KI ist keine zufällige Entdeckung, sondern – ganz im Sinne kapitalistischer Planung – eine geplante technische Innovation. Die Rechenzentrumsinfrastruktur wurde bereits jahrelang in Erwartung auf eine rechenintensive, lukrative Software aufgebaut. Die Forscherin Cecilia Rikap hat nachgewiesen, dass fast die gesamte Forschung an generativer KI durch die großen Tech-Konzerne finanziert oder ermöglicht wurde, durch finanzierten, co-finanzierten Professuren, KI-Konferenzen und Start-Up-Förderung, und nicht zuletzt, weil technische Innovation ohne Zugriff auf ihre Cloud nicht möglich ist.
Vergesellschaftung: Wir wollen KI-Infrastruktur haben, aber nicht behalten.
Die Macht der KI-Konzerne (und ihr Missbrauch) beruht also auf ihrem massiven Eigentum, von der Datenaneignung bis zur Cloud-Infrastruktur. Die Macht der Konzerne brechen, bedeutet, ihr Eigentum anzugreifen. Und es aus der Kontrolle weniger großer Konzerne für Gewinn- und Machtinteressen zu holen und es gesamtgesellschaftlich, demokratisch und gemeinwohlorientiert zu organisieren – es zu vergesellschaften. Der erste Schritt ist die Enteignung des Eigentums, der zweite, es unter demokratische Kontrolle zu stellen, der dritte, es für das Gemeinwohl einzusetzen. Wie Jenny Stupka in ihrem Grundlagen-Artikel geschrieben hat.
So eine Demokratisierung und Vergesellschaftung digitaler Infrastrukturen ist schon lange überfällig. Öffentlicher digitaler Luxus sollte auch datensichere, nachhaltige digitale Dienste bedeuten – mit einer funktionalen, sehr guten Nutzer*innenexperience.
Die Vergesellschaftung von KI würde fast alle Grundbausteine des heutigen digitalen Lebens umfassen – vom Datenzugriff, Hardware bis zu Rechenzentren und damit Innovationsplattformen.
Die Vergesellschaftung von KI würde fast alle Grundbausteine des heutigen digitalen Lebens umfassen – vom Datenzugriff, Hardware bis zu Rechenzentren und damit Innovationsplattformen. Das ist auch notwendig, weil der Aufbau von parallelen, alternativen Infrastrukturen allein nicht funktioniert. Das beste Beispiel dafür sind das Fediverse (alternative soziale Medien wie Mastodon oder Peertube) oder Open Street Map als Alternative zu Google Maps. Die Dienste haben ähnliche Funktionen und sind häufig Open-Source-basiert und datensicherer. Trotzdem setzen sie sich gegenüber den großen, proprietären digitalen Plattformen nicht durch. Die großen Tech-Konzerne binden Nutzer*innen durch Lock-In-Effekte, aber auch durch Funktionalität und Unausweichlichkeit. Aktuell gibt es kaum einen Haushalt, ein Unternehmen oder eine Verwaltung, die ohne Soft- oder Hardware der großen Tech-Konzerne auskommt – insbesondere bei begrenzten IT-Kenntnissen. Eine funktionierende digitale Grundversorgung bedeutet deswegen auch finanzielle Ausstattung, um sie allgemein nutzbar zu machen. Viele alternative Dienste sind zwar funktional, aber nicht annährend finanziell und personell gut genug ausgestattet um den andauernden Support und Funktionalität wie die konkurrierende Tech-Konzerne zu bieten.
Gleichzeitig sind die Unternehmen schon lange zu groß für effektive Regulierung – wegen massiver Lobbymacht und politischen Abhängigkeiten – und um sie schlicht zu ersetzen. Die ökologischen Kosten für eine parallele Infrastruktur wären in Zeiten der Ressourcen- und Klimakrise nicht tragbar, und auch die Unmengen Nutzer*innen- und Metadaten sind in der Hand der großen Konzerne nicht vertretbar. Paul Robben und ich haben diese Argumente detailliert in dem Artikel „Holen wir uns das Internet zurück!“ ausgeführt.
Gute Gründe zum Enteignen, Demokratisieren und Herunterfahren von KI
Der offene Brief, der 2023 parallel zum breiten Launch von ChatGPT von mehreren Tech-CEOs veröffentlicht wurde, war vor allen Dingen ein erfolgreicher Marketingmove. Sie sprachen öffentlich einerseits von einer „einer blühende Zukunft“ für die Menschheit durch KI und andererseits vor dem Potential ihrer Technologie die Gesellschaft umzuwälzen. Gleichzeitig lobbyierten sie in der EU gegen die KI-Verordnung zum Schutz von Nutzer*innen und begründeten ein sehr starkes Narrativ der Unvermeidbarkeit von KI. Einerseits ist OpenAI-CEO Sam Altman mit großen Heilsversprechungen in den Medien präsent – seine KI könne die Wohnungskrise, die Klimakrise und Krebserkrankungen beenden (große Aufgaben für einen Chatbot). Andererseits schaffen Sam Altman, Elon Musk, Peter Thiel und Co. ein Bedrohungsszenario, – KI sei gefährlicher als Atomwaffen –welches der Technologie eine Sci-Fi-artige Übermacht gibt, der nicht mehr zu entkommen ist.
Beide Erzählungen sind nicht nur falsch, sie überdecken auch die eigentlichen Probleme und Risiken, die durch den KI-Hype entstehen. Sie verschleiern, warum KI keine Technologie ist, die nach der Vergesellschaftung weiterbestehen sollte.
Die Erzählung der allmächtigen und unaufhaltsamen KI überdeckt die eigentlichen Probleme und Risiken der Technologie und verschleiert, warum KI, nach einer Vergesellschaftung nicht weiterbestehen sollte.
1. KI ist overhyped
Dass KI wirtschaftlich overhyped ist, klingt erstmal offensichtlich. Aber Politik, Investoren und Banken verfallen weiter den großen Zukunftsversprechen der KI-Unternehmen, die jeden Moment die Entwicklung einer Artificial General Intelligence (AGI) in Aussicht stellen, die übermenschlich denken kann – aber vor allem über 100 Mrd. US-Dollar Profite bringt. Forschungsministerin Dorothee Bär hofft deswegen auf 10 % Wirtschaftswachstum. 2025 wurden 375 Milliarden US-Dollar in KI-Unternehmen investiert (das globale BIP lag bei 111 Mrd. Dollar). Dem gegenüber steht, dass OpenAI bis heute keine Profite, sondern Verluste macht (Quelle). Eine MIT-Studie ergab, dass 95% der KI-Investitionen nicht profitabel sind und selbst auch die Deutsche Industrie zweifelt an der Implementierung von KI für die Industrie, die KI insbesondere für Kundenservice anwendet. Die profitabelsten Margen der KI-Ökonomie bieten aktuell die Hochleistungschips und die militärische Anwendung. Das prophezeite Wirtschaftswachstum beruht zudem größtenteils auf der Erwartung, Personal durch Automatisierung zu sparen. Selbst der IWF und die Bank of England warnen vor dem Platzen der KI-Blase.
Vergesellschaftet würden die profitabelsten Anwendungen der KI entfallen- insbesondere Überwachung und militärische Nutzung- während nicht klar ist welche gesellschaftlich sinnvollen Anwendungen es darüber hinaus für Technologie geben. Klar wäre nur: So wie die KI-Modelle aktuell funktionieren, brauchen sie massive Investition in Infrastruktur, was hohe ökologische und soziale Kosten mit sich bringt und die Tech-Konzerne stützen aktuell nicht nur den aufkommenden Faschismus und die Militarisierung – beides ist tief in den Technologien angelegt.
Teil 2 des Artikel erscheint nächste Woche. Wer Lust auf mehr hat, kann viele Talks von der Cables of Resistance streamen.
Die Wut und Energie für Widerstand gegen große Tech-Konzerne ist inspiriert vom Orga-Team. Von der Logistik-AG, Küfa, Awareness und den Bewegungen, die auf der Konferenz sprechen werden. Von Berlin vs Amazon, der Tech Workers Coaliton, Tesla den Hahn Abdrehen bis No Tech for Apartheid und vielen mehr.


