Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie der Hausärztemangel und die wachsenden Versorgungslücken geschlossen werden können. Was viele nicht wissen: Eine Gruppe von Ärzt*innen, Pflegefachkräften, Therapeut*innen und Sozialarbeiter*innen hat diese Debatte nicht abgewartet, sondern begonnen, selbst eine Alternative aufzubauen.
Aus der Frage „Wie wollen wir eigentlich Medizin machen?“ entstand 2012 die Idee einer selbstorganisierten Poliklinik. 2017 eröffnete auf der Hamburger Veddel die erste Poliklinik – nicht als staatliches Modellprojekt, sondern als Initiative von Gesundheitsberufen, die ein gerechteres Gesundheitssystem praktisch umsetzen wollten. Heute arbeiten dort Ärzt*innen, Community Health Nurses, Psychotherapeut*innen und Sozialarbeiter*innen gleichberechtigt zusammen. Sie behandeln nicht nur Krankheiten, sondern auch deren soziale Ursachen – von Wohnverhältnissen über Armut bis hin zu Diskriminierung.
Aus diesem Projekt ist inzwischen eine bundesweite Bewegung entstanden. Im Poliklinik Syndikat haben sich Initiativen zusammengeschlossen, um das Modell weiterzuentwickeln und in die Regelversorgung zu bringen. Kommunen und politische Entscheidungsträger*innen interessieren sich zunehmend für den Ansatz, weil er Antworten auf Hausärztemangel, überlastete Praxen und gesundheitliche Ungleichheit bietet. Doch bisher fehlte es an einem skalierbaren, gemeinwohlorientierten Konzept für die Primärversorgung.
Nach Jahrzehnten neoliberaler Umstrukturierung steht das deutsche Gesundheitssystem unter einem immensen Druck: Privatisierung, Ökonomisierung und Personalmangel haben Spuren hinterlassen. Zugleich verschärfen ein demografischer Wandel und eine zunehmende soziale Ungleichheit die gesamtgesellschaftliche Situation. Viele Menschen erleben ihren Alltag als unsicher, während große Transformationen – ob ökologisch, sozial oder ökonomisch – eher Angst als Zuversicht auslösen. Eine positive Vision, die verbindet und Orientierung gibt, fehlt oft.
Ein neues Konzeptpapier von communia und dem Poliklinik Syndikat schlägt nun einen konkreten Baustein für eine rasch umsetzbare und soziale Transformation der ambulanten Versorgung vor. Kernelement ist dabei die Gründung von Primärversorgungszentren (PVZ) unter dem Dach von Anstalten öffentlichen Rechts (AöR) – die AöRs „Gemeingut Gesundheit“. Die Idee der Vergesellschaftung, verstanden als Begriff alternativ zum Privateigentum an Gesundheitseinrichtungen und Moment der Demokratisierung, dient dabei als Leitfaden: Vergesellschaftung begreift Gesundheit als kollektive Aufgabe und stellt die Frage neu, wie Versorgung organisiert sein muss, damit sie allen zugutekommt. Dabei geht es nicht nur um strukturelle Reformen, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung – eine Rückeroberung sozialer Infrastrukturen.
Das vorliegende Konzept entwirft eine konkrete Vorstellung davon, wie eine primäre Gesundheitsversorgung aus einer progressiven Perspektive gedacht und organisiert werden kann. Es bündelt Erfahrungen aus der Praxis solidarischer Gesundheitszentren ebenso wie Perspektiven aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen. Die hier entwickelte Vision bewegt sich dabei bewusst im Spannungsfeld zwischen Realpolitik und Utopie. Denn Veränderungen entstehen im Zwischenraum von Anspruch und Wirklichkeit. Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht ist klar: Menschen leben gesünder, wenn sie in sozialen Zusammenhängen eingebettet sind, die von Vertrauen, Teilhabe und gegenseitiger Fürsorge geprägt sind. Eine solidarische Primärversorgung kann dazu beitragen, dass solche Räume entstehen – Orte, an denen medizinische, soziale und präventive Angebote zusammenkommen und in denen Gemeinschaft erfahrbar wird. In diesem Sinne sind neue, kollektiv organisierte Sorgestrukturen mehr als Versorgungsmodelle: Sie sind Bausteine einer demokratischen Gesellschaft und können dem Erstarken von Ausgrenzung und Vereinzelung etwas entgegensetzen.
Mit dem Konzept „Gemeingut Gesundheit“ möchten wir dazu beitragen, den Rahmen des Denkbaren zu erweitern. Wir laden dazu ein, die vorgestellten Ideen zu prüfen, weiterzuentwickeln, zu kritisieren und mit uns zusammen umzusetzen. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist offen. Es liegt an uns, sie als Gemeingut zu gestalten.



